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Social Media-Narration über Elke TwestenVerrat, unwürdig, schmutzig, skandalös

Politik kann ein hartes Gewerbe sein, oft können sich Parteien nur über Abgrenzung definieren. Wird die Sprache aber zu hart, nutzt das niemanden.

Ein Kommentar

Anfang des Monats wechselte die niedersächsische Grünen-Abgeordnete aus der Grünen-Fraktion zur CDU-Fraktion. Das hat für viel Aufregung gesorgt, nicht nur bei den Grünen. Insbesondere die SPD war im Aufruhr. Der Grund: Mit dem Verlust einer Stimme gibt es keine stabile Mehrheit mehr für den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Weil. Auch in den Medien war an vielen Stellen die Empörung groß, ungeachtet der Tatsache, dass das Mandat frei ist und es rechtlich einwandfrei ist, was Elke Twesten tat.

Nun dürfte kaum jemand ernstlich behaupten, dass es moralisch richtig war, was sie tat. Ihr drohte der Mandatsverlust, da sie nicht mehr aufgestellt wurde, sie wechselte die Partei und brachte damit eine Regierung zum Wanken. Vermutlich sehen das hinter vorgehaltener Hand auch CDUler nicht anders. Im Impetus des Geschehens fielen allerdings Aussagen, die man nur als unangebracht bezeichnen kann, insbesondere in den sozialen Medien. Wohlbemerkt: Die zitierten Personen sind nicht irgendwelche Personen. Es sind durchgehend verifizierte Accounts von Spitzenpolitikern.

Richtig bitter ist, dass Elke Twesten und die CDU #Niedersachsen mit dieser Intrige den Wählerwillen verfälschen und der Demokratie schaden QuelleSven Kindler

Sven Kindler ist Bundestagsabgeordneter der Grünen. Jürgen Trittin, ebenfalls von den Grünen, verglich den Vorfall mit „Stimmenkauf im Parlament“ in Brasilien. Aber richtig in Fahrt kam die Sache erst, als die SPD mit einstieg:

rausgekauft. charakterlos. erbärmlich. und dazu ein peilicher @petertauber ätzend! #Twesten

QuelleJohannes Kahrs

Nun ist Johannes Kahrs nicht gerade für Contenace und Zurückhaltung bekannt. Aber andere legten nach:

Dreistem Unionsversuch mit Hilfe der skrupellosen Überläuferin Wählerwillen in NDS zu korrigieren am 24.9.bundesweit rote Karte zeigen!

QuelleRalf Stegner

Kurze Zeit später legte Hubertus Heil, Generalsekretär der SPD und ebenfalls Bundestagsabgeordneter nach:

Was in Niedersachsen passiert ist, ist ein Verrat am Wählerwillen. Frau Twesten hat ihre verletzte Eitelkeit über das Wohl des Landes gestellt. Es ist skandalös, dass die CDU dieses unwürdige und schmutzige Spiel mitmacht!

QuelleHubertus Heil

Die Hervorhebungen sind im Original. Die Kernaussage wäre also Verrat am Wählerwillen, CDU, unwürdiges und schmutziges Spiel. Schnell merkte man, dass diese Narration entweder kein Zufall war oder von vielen abgekupfert wurde. Denn „Verrat“, „skandalös“ und „schmutzig“ tauchten auf einmal in tausenden Tweets auf, nachdem sie von zahlreichen Mandatsträgern der SPD verbreitet wurden.

Auch der offizielle Account des SPD-Parteivorstands stieg mit ein:

tweet-der-spd-ueber-elke-twesten.png

Der Tweet ist mittlerweile gelöscht. Aus einem Gewissen Gefühl heraus machte ich damals einen Screenshot.

Dass Missfallen über die Situation ist verständlich. Auch Beleidigungen einzelner sind entschuldbar. Spätestens ab dem Punkt, in dem das Bild einer Person verfälscht wird, um sie boshafter aussehen zu lassen, ist der Pfad der gesunden politischen Auseinandersetzung verlassen. Gefährlich erscheint mir insbesondere die Narration, die entwickelt und weitergetragen wird. Es entwickelt sich ein Impetus, in den viele Menschen aus mangelnder Reflektion oder falsch verstandener Solidarität einsteigen.

Elke Twesten ist verbrannt. Auf jeden Fall für öffentliche Ämter, auch im Privatleben. Sie wurde beleidigt, durch den Dreck gezogen und weggeworfen. Das ist kein Verhalten für Menschen, die unser Staatswesen mitführen. Das ist das, was unser Staatswesten zur Zeit als Problem zu bekämpfen versucht: Hass im Netz.

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