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Politischer Diskurs„Das sind die Probleme, die die Menschen umtreiben!“

Oft begegnet einem in politischen Auseinandersetzung die Erwiderung, dass es doch wirklich wichtigeres gäbe. Das kann stimmen, ist aber kein Argument.

Heute las ich mal wieder in meinem Feedreader, was mich den Kopf schütteln lässt:

Dies hat sich auch die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium Kristin Rose-Möhring (SPD) gedacht und einen Vorschlag ausgearbeitet, wie endlich unser Nationalhymne gendergerecht gemacht werden könnte.

[...]

Klasse liebe SPD, dass sind genau die Probleme, die die Menschen umtreibt!Markus von Blogging About the World

Zur inhaltlichen Einordnung: Es geht um den Vorschlag der Gleichstellungsbeauftragten im Familienministerium Kristin Rose-Möhring, die Formulierung der Nationalhymne zu überdenken.

Es ist schwierig, auf solche Aussagen eine Erwiderung zu finden. Denn sie nicht Teil einer Debatte, sondern deren Schlussstein. Es wird nicht das Argument der Gegenseite angezweifelt, sondern die Diskussionsgrundlage. Das ist eine äußerst destruktive rhetorische Taktik, die stark dem Whataboutism ähnelt.

Markus ist mitnichten der Einzige, der keinen anderen Weg fand, sich mitzuteilen. Ihn möchte ich auf keinen Fall zu anderen gruppieren, die diese Taktik bevorzugt anwenden, denn ich glaube, da gehört er nicht hin; besonders beliebt ist diese Vorgehensweise bei rechten Publizierenden. So muss man nicht lange suchen, um ähnliche Formulierungen zu finden, zum Beispiel bei PI-News einem rechtspopulistischen Blog:

pi-news-zum-vorschlag-einer-aenderung-der-nationalhymne.png

Eine ähnliche Formulierung findet sich bei der Propagandaplattform Sputnik News:

sputnik-news-zum-vorschlag-der-aenderung-der-nationalhymne.png

Noch übler wird es traditionell in Kommentarspalten. Nachdem das rechte Magazin Compact schrieb, dass es auch Frauen mit „ganz anderen Probleme[n]“ gäbe, ist das „Problem-Argument“ bei den Kommentierenden schnell zur Hand:

Aus der Hymne der Deutschen ist die Hmyne der Schmach, der Erniedrigung und der Demütigung geworden. Niemals werde ich diese „gesäuberte“ Gender-Version singen. Nur über meine Leiche. Und Nein, Frau Rosenkohl-Möhre, das hat nichts, aber auch gar nichts, mit „Sexismus“ zu tun. Zeigen Sie mir die deutsche Frau, die sich von den genannten Textstellen diskriminiert fühlt und ich zeige Ihnen, eine Frau, die noch ganz andere Probleme hat.Compact Online

kommentare-compact-zur-aenderung-der-nationalhymne.png

Auch andere greifen dieses Mittel auf. Der Unterschied ist aber die Intention: Während es absichtlich eingesetzt ein Mittel der Manipulation ist, ist es bei anderen oft Hilflosigkeit.

Was also tun?

Bringt Argumente und respektiert die Meinungen anderer. Wenn ihr euch sicher seid, dass etwas Unsinn ist, werdet ihr Argumente dagegen finden. Bedenkt auch: Vielleicht ist eine Sache für euch nicht wichtig. Für andere ist sie es aber vielleicht schon. Zudem ist sowohl Gesellschaft als auch Staatsapparat durchaus in der Lage, sich mit mehr als einer Sache gleichzeitig zu beschäftigen. Argumentiert auf sachlicher Basis und fördert nicht jeden Hype. Denn wie so oft geht es – auch in diesem Fall – um nicht viel: einen internen Rundbrief des Ministeriums.

Wird euch das „Problem-Argument“ entgegengebracht weist freundlich darauf hin, dass das kein Weg der konstruktive Auseinandersetzung ist. Gegebenenfalls gilt es zu prüfen, ob sich der Diskurs mit diesem Gesprächspartner lohnt.

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